Shaanxi Provinz – Sanyuan pt. 1

Wenn man heute über China liest, dann sieht man meistens Bilder von Fabriken, Hightech Häuser, riesige Städte oder schlicht Protz sondergleichen. Oft wird dabei vergessen, dass es sich um ein Riesenland handelt, in dem der Hauptteil der Bevölkerung immer noch auf dem Land lebt, in Umständen, die eher der 3. Welt zuzurechnen sind anstatt einem Entwicklungsland. So eine Erfahrung durfte ich in diesem Monat tun, denn es ging zu den Eltern meiner Frau nach Shaanxi, genauer Sanyuan (三原), 50 km nördlich der alten Hauptstadt Xian. Genauer gesagt, hier:

 San Yuan / Shaanxi

Xian an sich ist ja schon ein ziemliches Loch, das außer seiner Stadtmauer und Terrakotta Armee absolut nichts zu bieten hat. Dementsprechend waren meine Erwartungen hinsichtlich des Landes.

Vom Flughafen ging es ca. 50 Minuten über Stock und Stein in einen Honda Accord. Da es bereits abends war, konnte man recht wenig von der Umgebung sehen, nur eines war klar, es war hier im November bereits empfindlich kälter als noch in Shanghai um diese Zeit. In dem kleinen Dorf angekommen, erst einmal Ernüchterung. Straßenbeleuchtung vorhanden aber nicht genutzt, aus Kostengründen.  Später sollte ich erfahren, dass der Bürgermeister von ein paar Wochen wegen Korruption in Millionenhöhe verhaftet wurde, während die Bürger ab 18 Uhr im Dunkeln leben.

Village Street

Straßenszene

Der erste Eindruck des Hauses war nett. Ein ca. 300m2 typisches Bauernanwesen, umgeben von einer Mauer und mit einem großen traditionellen Tor versehen. Die vier Hauseinheiten (jede mit einem oder zwei Räumen) sind rund um einen großen Innenhof angeordnet, aber ohne Verbindung miteinander. Das bedeutet, wenn man bspw. vom Wohnzimmer ins Kinderzimmer will, muss man den Hof überqueren. Mutet merkwürdig an, scheint aber so Gang und Gebe zu sein, denn später sah ich das gleiche Schema auch auf anderen Höfen. Ich sollte erwähnen, dass meine Frau ihre Eltern mit etlichem Schnickschnack ausgestattet hat der anderen nur teilweise vergönnt ist. So haben sie einen Gasherd mit Abzugshaube, Dusche und normales WC (andere Häuser haben zum Teil noch Plumpsklo aufgrund der fehlenden Kanalisation), Solarwasserwärmer auf dem Dach (ebenfalls kein Standard, vielerorts wird es kalt genutzt) und sogar Flat TV samt DVD. Schaut man sich dagegen Nachbarn an, wird dort teilweise noch mit Kohleherd gekocht.

Traktor

Traktor

Goat

Ziegengott

Mittlerweile haben aber auch viele andere ihre Kinder in die Stadt geschickt, sodass es vielenorts auch Internet und ähnliche Errungenschaften der Moderne gibt. Das muss man sich vor Augen führen, Ipad und Plumpsklo, Dunstabzugshaube und Kohlenofen, DSL und kein warmes Wasser. Irgendwie hat man da das Gefühl, dass die Jungs vom Fortschritt überrannt werden, ohne die wirklich essentiellen Vorzüge genießen zu können.

Felder

Felder

Nun, der Kälte begegnet man auf pragmatische Weise, man zieht einfach mehr an. Das Problem ist, es ist einfach überall kalt, wie man es auch von anderen Orten Chinas kennt. In Xian gibt es zwar Zentralheizung, doch im Dorf muss man auf so etwas verzichten. Gepaart mit dem doch begrenzten Warmwasservolumen, hatte der ganze Trip eine gewisse Campingatmosphäre inne. Dem Chinesen macht die Kälte nichts aus, denn wie ich am verschwägerten Großvater sah, kann man so tatsächlich 92 Jahre alt werden. Wird es aber heiß, dann leidet sie, somit haben die reichsten des Dorfes eine Klimaanlage auf dem Dach.

Essen

Essen

Welpen

Welpen

Interessant zu erwähnen ist die Kirche in diesem Ort. Mit dem Umfang einer deutschen Einrichtung in einer Kleinstadt, ist diese bei 900 Einwohnern völlig überdimensioniert. Wie ich aber sehen durfte, ist die Messe stets voll belegt. Die gesamte Gemeinde sowie ihre umliegenden Dörfer sind rein katholisch, was schon ein wenig merkwürdig anmutet, wenn man China kennt. Laut Pfarrer kam der erste Missionar Anfang des 19. Jahrhunderts nach San Yuan und seitdem ist die Region streng katholisch und hat vor allem in den 60‘ sehr unter den Kommunisten gelitten. Dieser Umstand bringt aber auch eine sehr gemeinschaftliche Atmosphäre unter den Bewohnern mit, in der jeder jeden kennt. Überhaupt habe ich dort die bisher freundlichsten Menschen in China getroffen.

Dorfstrasse

Dorfstraße

Kirchturm

Kirchturm

Gründe zur Überschwänglichkeit gibt es jedoch nur wenige. In naher Vergangenheit konnte man durch die Korruptionsaffäre des Bürgermeisters eine Zwangsumsiedlung abwenden. Zwar fiel die Entschädigung großzügig aus, doch welcher alte Baum lässt sich schon gerne verpflanzen? Nun hat man eine Galgenfrist von ca. 20 Jahren, welche bei der aktuellen Landflucht vlt. ausreicht das Problem von allein zu lösen.

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Über arsteutonicus

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