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Alexandar Tisma – Kapo

Wir begleiten Lamian auf dem Weg durch das Martyrium der Schuld, als ein Opfer das im Rahmen der Umstände selbst zum Täter wurde. Noch Jahrzehnte nach seiner Zeit als Kapo in drei verschiedenen KZs, quält ihn die Schuld und Angst vor Entdeckung täglich, so macht er sich auf die Suche nach seinem größten Opfer. Diese Frau, die er für Nahrung sexuell demütigte, ist in seinen Augen die einzige Person auf der Welt, der das Recht des Urteils zusteht. Durch das Auffinden der Gequälten erhofft er sich Erlösung.

Tisma schreibt extrem ausführlich, unternimmt Zeitsprünge und bedient sich ausgeschmückter Literatur, dass es eine Herausforderung ist dem Strang überhaupt zu folgen. Verstärkt wird dies durch die zuteils sehr explizite Beschreibung von Gewaltakten und Sexualpraktiken, sodass sich das Buch nur bedingt als gute Nacht Geschichte eignet. Nichts desto Trotz ein wichtiger Einblick in die Psyche eines Täters aus dem ehemaligen Jugoslawien, der irgendwo in der Sphäre zwischen Schuld, Reue und Opfer steht. Verstörend, aber gut.

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Karl Knoblauch – Dem Ende entgegen

Knoblauch

 

Selten war ich so hin und her gerissen, wie bei diesem Buch. Der erste Teil, in dem der Autor noch bei der Luftwaffe ist, war bereits beeindruckend. Die kurzweiligen Tagebucheinträge geben einen ausgezeichneten Einblick in den Alltag der Feindflieger während der Anfangsphase des 2. WK.

Das zweite Buch handelt von der Endphase des Krieges. Knoblauch findet sich nach dem Abschuss seines Flugzeuges beim Heer an der Ostfront wieder, wo er in den äußersten Verteidigungslinien Ostpreußens eingreift. Das Buch hat eine sehr befremdlich Mischung an Eindrücken, die unterschiedlichste Emotionen auslöst. Kriegsromantik mit dem schieren Horror der leidenden Zivilbevölkerung ergeben einen Mischung die nur schwer zu verdauen ist. Der Tagebuchstil verstärkt den Eindruck noch, schließlich handelt es sich um reale Erlebnisse die ein Mensch mitmachte, keine Fiktion.

Prinzipiell ist der 2. Teil unglaublich härter als noch der 1. Hier wird nicht aus der Perspektive des Bomberpiloten erzählt, der aus dem Off den Tod in den Städten ablädt, sondern aktiv am Geschehen teilnimmt und mit den Konsequenzen seines Tuns konfrontiert wird. Die Erzählung ist dabei sachlich wie die Bilanz einer AG, was dem Leseerlebnis eine gewisse Kaltschnäuzigkeit verleiht, die einem erst wirklich bewusst wird, wenn man das Buch geschlossen hat um sich zur Ruhe zu betten. Es wird kaum einen etablierten Historiker geben, der in der Lage ist, die Schrecken des Krieges so zu vermitteln, wie es ein Veteran vermag.


Patrick Quigley – Grenzland

Das etwas andere Buch. Erzählt wird die Geschichte einer Kindheit in Irland, auf dem Höhepunkt des Konfliktes mit dem vereinigten Königreich in den 50’/60′. Man bekommt einen Eindruck davon vermittelt, wie einfach gestrickt das Leben auf der Insel selbst noch in so junger Vergangenheit war, vor allem für die Landbevölkerung. Die Bosheiten die sich Kinder gegenseitig antuen können, sind ebenfalls schwere Kost.

Der Schreibstil ist dabei sehr anspruchsvoll. Vieles bleibt unausgesprochen und muss assoziiert werden, es macht Spaß die ausgeschmückten Beschreibungen der Sachverhalte zu deuten und in den Kontext zu setzen.

Das Buch selbst habe ich durch Zufall beim ZVAB gefunden, als ich nach Literatur zum Nordirlandkonflikt suchte. Es scheint erschreckend wenig zum Thema zu geben, zumindest in Romanform. Daumen hoch für dieses Werk!


Thomas Grimm – Das Politbüro privat

Es ist mal wieder an der Zeit zu lesen:

Zu Wort kommen hier ehemalige Angestellte der DDR Elite, die meisten von ihnen aktiv in der s.g. Waldsiedlung bei Berlin, in der in 25 Häusern Mielke und Co. residierten. Köche, Gärtner und sogar Zugführer berichten über Eigenarten der einzelnen Individuen. Nebenbei erfährt der Leser, dass bspw. Honecker gerne mal ein Schmutzfilmchen aus dem Westen sah oder Günther Mittag – seines Zeichen verantwortlich für den Handel – seinen gesamten Hausstand aus dem Quelle Katalog bezog.

Neben solchen Boulevard Lappalien, kann man allerdings auch mal noch etwas wissenswertes aufschnappen. So begegnen einem Namen, die man noch nie in der Verbindung zur DDR wahrgenommen hat. Nauman und Stoph waren zumindest mir bis dato noch kein Begriff. Oder die Todesumstände von Walther Ulbricht waren auch mal interessant. Eine kurzweiliges und zuweilen aufschlussreiches Büchlein.


Karl Knoblauch – Zwischen Metz & Moskau

Umschlag

Dieses Buch liegt bei mir im Moment auf dem Tisch und wird in jeder freien Minute aufgeschlagen. Das autobiografische Werk erzählt die Kriegsgeschichte des Autors Karl Knoblauch aus Hannover, der zunächst beim Herr an der Maginot Linie und zuletzt als Aufklärungsflieger in Russland eingesetzt wurde.

Es ist mein erstes Buch ueberhaupt, dass die Luftwaffe abhandelt. Die Beschreibungen der Einsätze an der Ostfront mit deren Bedingungen sind zum Teil haarsträubend. Wer heutzutage Flugangst hat, kann sich wahrscheinlich nicht im geringsten in die Lage der Kampfpiloten mit ihren Crews von damals versetzen. Die unglaublich hohe Verlustrate beschreibt am besten den Alltag der Flieger in diesen Zeiten.

Die Erzählweise von Knoblauch ist dabei sehr sachlich, strukturiert und interessant (alt-preussisch halt). Es ist so sehr kurzweilig einen Einblick in die Fliegerwelt während des 2. Weltkrieges zu bekommen. Ich kann es nur empfehlen; wie fast alle Bücher zum Thema aus dem Flechsig Verlag.


Timur Vermes – Er ist wieder da

Er ist wieder da

 

Nun, stellen wir uns vor Hitler erwacht im Jahr 2011 inmitten Berlins und wir haben die zweifelhafte Ehre zu erfahren, wie er die alltäglichen Dinge der Gegenwart aus seiner Sicht sieht. Genau darum dreht sich dieses Buch. Essentielle Fragen sind: kann Hitler als Komödiant lustiger sein als sein Imitat? Wie sieht der Führer das s.g. Hartz-4 TV? Was denkt der Gröfaz über den Verlauf der deutschen Grenzen des Jahres 2011?

All diese Dinge kann man in diesem Buch erfahren.  Geschrieben aus der Sicht des Blondie Streichlers, finden wir uns manchmal in endlosen Monologen wieder, die sich zwischen die eigentliche Handlung im Hier und Jetzt reihen. Diese Monologe können lustig sein, sind es aber nicht immer. Der Autor hat bei der Rhetorik tief in die Diktator Schublade für reißerische Wortwahl gegriffen, dass verleiht dem ganzen ein wenig Authentizität. Wer nicht eine gewisse Wissensbasis über das dritte Reiche sein Eigen nennt (vor allem beim Personal und deren Eigenarten), der kann sich schnell langweilen wenn der Führer über den Morphin-Abhängigen Göring ablaestert oder die verweichlichten Charakterzüge von Ribbentrop in Frage stellt.

Im Fazit ein kurzweiliges Buch das – trotz Hitler – ab und zu etwas Neues zu bieten hat. Man sieht vielleicht an manchen Stellen sich daran erinnert, wie sehr sich die Welt verändert hat und vor allem schaudert es ziemlich kalt, wenn man plötzlich für sich allein feststellt: da hat der Mann ja eigentlich recht!